Zum Sonntag

135 Euro sparen?


Friedhelm Neumann ist Kirchenkreissozialarbeiter im Diakonieverband Hannover-Land

Es ist 16 Uhr – offene Sprechstunde. Noch eben einen Schluck Kaffee. Da klopft es schon an der Tür. Es ist Herr M. Er schaut regelmäßig vorbei. Meist hat er konkrete Fragen zu dem letzten Bescheid vom Arbeitsamt.

Herr M., 58 Jahre, ist arbeitslos und lebt zusammen mit seinem 24-jährigem Sohn Mike. Nach der Berufsausbildung hat Mike noch keine Arbeit gefunden. Beide müssen von Hartz-IV-Leistungen leben. Bisher waren das 690 Euro zuzüglich Unterkunft und Heizung. Sie haben sich eingerichtet, damit zu leben; preiswerte Lebensmittel, Kleidung möglichst lange tragen und Arztbesuche nur einmal im Jahr.

Das Arbeitsamt hat ihnen geschrieben, dass sie ab nächsten Monat statt 690 nur noch 552 Euro bekommen. Grundlage hierfür ist das erste Änderungsgesetz zum Sozialgesetzbuch II. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass Arbeitslose unter 25 Jahren sich eine eigene Wohnung nehmen.

Ich erkläre, dass der Bescheid den gesetzlichen Bestimmungen entspricht. Ich kann ihm aber nicht erklären, wie er die 135 Euro jeden Monat noch einsparen kann. Sie haben schon lange alles ausgereizt. Ich kann ihm auch nicht erklären, warum es den gesetzlichen Bestimmungen entspricht, dass er weiterhin 690 Euro bekommen würde, wenn Mike 26 wäre.

Ich spüre seine Verzweiflung und seine Hoffnungslosigkeit. Er sucht nach Lösungen. Würden sie vielleicht doch noch Arbeit finden? Was ist, wenn Mike ausziehen könnte? Wo soll er noch sparen?
Seine Fragen kann ich ihm nicht beantworten. Ich höre ihm zu. Wir sprechen über seine Fragen, es entstehen Ideen, es werden Gedanken wieder verworfen. Er weint, erzählt von früher.
Nach einer Weile beendet er das Gespräch und bedankt sich. Ich frage wofür? Er antwortet: „Für die geschenkte Zeit und dass Sie sich das alles angehört haben. Das hat mir geholfen.“
Als er mein Büro verlässt, klingelt das Telefon. Ich muss ran, es ist offene Sprechstunde.