Zum Sonntag

Biblische Geschichten ermutigen und beunruhigen die Menschen zugleich


Johann Christophers ist Pastor der Kirchengemeinde Ilten, Höver und Bilm

Ein Rabbiner durchquerte ein Dorf, ging in den Wald, und dort, am Fuß eines Baumes, immer desselben, betete er. Und Gott hörte ihn. Auch sein Sohn durchquerte immer dasselbe Dorf. Er wusste nicht mehr, wo der Baum war, so betete er am Fuß irgendeines Baumes, und Gott hörte ihn. Sein Enkel wusste weder, wo der Baum, noch wo der Wald war. Er ging zum Beten ins Dorf, und Gott hörte ihn. Sein Urenkel wusste weder, wo der Baum war noch der Wald noch selbst das Dorf. Aber er kannte noch das Gebet. So betete er in seinem Haus. Und Gott hörte ihn. Sein Ur-Urenkel kannte weder den Baum noch den Wald noch das Dorf noch die Worte des Gebets. Er kannte aber noch die Geschichte, er erzählte sie seinen Kindern. Und Gott hörte ihn.

Sich erinnern und erzählen. Nicht aufhören zu erzählen; selbst dann nicht, wenn der Inhalt nur noch vage erinnert wird.

Am Montag jährt sich zum 17. Mal der Tag, an dem die so genannten Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 mit der Teilnahme von 70.000 Bürgern ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ haben damals Hunderttausende DDR-Bürger auf friedliche Weise das Ende der SED-Herrschaft erzwungen. Der Anfang dieser Ereignisse führt zurück zum Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Und Gott hört die Menschen. Das Friedensgebet stiftet eine friedliche Unruhe. Biblische Geschichten ermutigen Menschen und beunruhigen zugleich. Beunruhigen im Sinne des Schriftstellers Mark Twain, der einmal sagte: „Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen. Ich für mein Teil muss zugeben, dass mich gerade diejenigen Bibelstellen beunruhigen, die ich verstehe.“

Sich erinnern, erzählen. Vom Friedensgebet beunruhigen lassen – damals wie heute. Und Gott hört seine Menschen.