Neue Stolpersteine werden verlegt

Der Arbeitskreis „Gedenkweg 9. November“ kämpft weiter gegen das Vergessen jüdischer Opfer


Lange hat der Arbeitskreis „Gedenkweg 9. November“ für die Stolpersteine gekämpft und sich am Ende gegen alle Kritiker durchgesetzt. Im August vergangenen Jahres sind bereits die ersten sieben Messingplatten in Burgdorfer Fußwege eingelassen worden, heute folgen weitere sieben Gedenksteine.

Wie schon 2006, wird auch dieses Mal der Kölner Künstler Gunter Demnig die mit einer Messingplatte überzogenen Betonsteine eigenhändig in das Pflaster einsetzen – und zwar an der Poststraße, der Braunschweiger Straße und der Gartenstraße.

Die Gedenkplatten sollen auf das Schicksal von Emma Blumenthal, Gustav Italiener, Seewald Siegfried Goldschmidt, Hermann und Rosalie Cohn sowie Johanna Schweitzer und Helene Vogelsang aufmerksam machen. Sie sind sieben von mehr als 50 Burgdorfer Juden, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden sind.

In die zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatten sind Name, Geburt, Tag der Deportation, Todesort und -tag eingehämmert. Sie werden vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer flach im Bürgersteig eingesetzt. Mit den Stolpersteinen will der Arbeitskreis „Gedenkweg 9. November“ mit Nachdruck auf das menschenunwürdige Schicksal dieser Personen aufmerksam machen.

Jüdische Familien seien über Jahrhunderte in Burgdorf zuhause gewesen – bis der Rassenwahn der Nationalsozialisten alle Lebensbereiche bestimmte, sagt der im Ruhestand lebende Pastor Rudolf Bembenneck, der die Aktion des Arbeitskreises begleitet. Ihm gehören die Kirchengemeinden der Stadt, der Kulturverein Scena und Einzelpersonen an.

Unvorstellbares Unrecht sei den jüdischen Mitbürgern angetan worden. Sie seien ihrer Heimat, ihrer Menschenrechte und oft auch ihres Lebens beraubt worden, betont der pensionierte Pastor. „Wir sind es den Opfern schuldig, ihnen ein Heimatrecht in der Erinnerung unserer Stadt zu geben.“ Zudem sei es wichtig, die Schatten der Vergangenheit sachlich und kritisch in den Blick zu nehmen. Nur so könne man die Gegenwart verstehen und die Zukunft menschlich und verantwortlich gestalten.

Gedenktafeln an der ehemaligen Synagoge und im Burgdorfer Schloss sollen die Stolperstein-Aktion ergänzen. Die Tafel im Schloss soll der Flensburger Künstler Uwe Appold gestalten. Dort sollen die Namen aller bekannten jüdischen Opfer in einer Sandschicht zu lesen sein. Auf zwei großen Texttafeln sollen zudem Erläuterungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Burgdorf und zu dem Anliegen des Gedenkens gegeben werden.

Erinnerung: An drei Standorten werden in der Innenstadt Stolpersteine verlegt.
Grafik: Erdbrink

Braunschweiger Strasse 10
Seewald Siegfried Goldschmidt

Der Name Goldschmidt taucht erstmals 1804 in der jüdischen Personenstandsliste für Burgdorf auf. Seewald Siegfried Goldschmidt, 1880 geboren, arbeitete als Bankkaufmann und als Prokurist der Telefonfabrik Berliner in Hannover, deren Direktor sein Vater war. Später machte er sich mit einem Papiervertrieb selbstständig. Goldschmidt war verheiratet mit Berta Fleischhacker. 1939 emigrierte er ohne seine Frau nach Brüssel. 1942 ist er verhaftet und dann in Auschwitz ermordet worden. Seine Tochter Edith blieb von diesem Schicksal verschont: Sie konnte bereits 1937 nach Palästina auswandern. tin

Gartenstrasse 9
Hermann und Rosalie Cohn, Johanna Schweitzer und Helene Vogelsang

Hermann Cohn, 1882 im Haus der Schlachterei seines Vaters an der Feldstraße geboren, war der letzte Vorsteher der Synagogengemeinde in Burgdorf. 1909 baute sein Vater David ein neues Haus an der Gartenstraße. Cohn und seine vier Brüder zogen als Soldaten in den Ersten Weltkrieg. Hermann erkrankte in Mazedonien an Malaria, worunter er sein ganzes Leben zu leiden hatte. Zusammen mit seiner Frau Rosalie, geboren 1884, hatte er eine Tochter, Senta. Sie konnte im Mai 1939 nach London emigrieren. Das Ehepaar selbst ist in Burgdorf geblieben und im Dezember 1941 nach Riga deportiert und 1942 dort ermordet worden.

Hermann Cohns Schwestern Johanna und Helene wurden 1881 und 1887 geboren. Johanna wurde mit ihrem Mann, Benedict Schweitzer, im Juli 1942 nach Minsk deportiert und dort ermordet. Helene heiratete den Schlachtermeister Ludwig Vogelsang, der bereits 1938 starb. Sie selbst ist im Januar 1942 nach Riga deportiert worden, wo man sie mit Hermann und fünf anderen Verwandten ermordete. Ihre beiden Söhne Paul und Alfred sowie dessen Frau Dorothea sind in Auschwitz umgekommen. tin

Poststrasse 2
Emma Blumenthal und Gustav Italiener

Emma Blumenthal war eine Tante von Ernst Pinchas Blumenthal, dem Autor des 2004 erschienen Buchs „Die gläserne Wand – ein Burgdorfer Roman“. Sie wurde am 18. August 1855 geboren. Emma Blumenthal hat als unverheiratete Frau lange in ihrem Elternhaus gelebt und später etliche Haushalte innerhalb der Familie geführt, zuletzt für ihren Bruder Hermann in Kassel. Dort blieb sie auch nach dessen Tod und kehrte nur für kurze Zeit zu ihrer Schwester Ida und deren Mann Meyer Löwenstein nach Burgdorf und Hannover zurück. Noch als 87-Jährige wurde Blumenthal am 7. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 9. Oktober 1943 ermordet.

Gustav Italiener wurde am 22. September 1884 in der sogenannten Rabbi-Wohnung der Synagoge geboren. Sein Vater Josef war jüdischer Lehrer und trat 1874 die Nachfolge von Blumenthals Vater Pincus an. Seine Frau Friederike soll Italiener kennengelernt haben, als sie ihre Großeltern besuchte, die ein Textilgeschäft an der Poststraße 1 betrieben. Bevor er mit Friederike und seinen Söhnen Gerard und Henri zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Brüssel auswanderte, lebte die Familie lange in Hamburg. 1942 sind alle vier nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. tin

aus:
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Anzeiger für Burgdorf und Uetze
vom 11. November 2007

Red. Susanne Wallentin