Zum Sonntag

Volkstrauertag: Den Frieden riskieren


Johann Christophers ist Pastor in der Kirchengemeinde Ilten-Bilm-Höver

Über dem Tag lag eine Stimmung von Trauer und Melancholie. Im Radio stand Klassik auf dem Programm. Die Menschen in meiner Umgebung verhielten sich still und nachdenklich: Volkstrauertag zu Beginn der sechziger Jahre. Mit meiner Mutter ging ich am Nachmittag zum Ehrenmal. Viele Menschen waren zusammengekommen. Die Ansprache hielt der Pastor, der Posaunenchor spielte das Lied vom „Guten Kameraden?. Der Schützenverein legte einen Kranz nieder.

Warum erzähle ich dies? Da gab es bei dieser Veranstaltung etwas, das ich nicht verstehen konnte. Viele Menschen sprachen damals nicht vom Volkstrauertag, sondern vom Heldengedenktag.

Für mich unverständlich: Mein Vater war vier Jahre im Krieg gewesen und vier Jahre in Gefangenschaft. Ein Held? So wie ich ihn kannte, wohl kaum.
Zwei meiner Onkel waren in Stalingrad gefallen. Für sie gab es kein Grab, keine Stätte des Gedenkens. Waren sie Helden?
Ein weiterer Onkel kehrte nach dreijähriger russischer Gefangenschaft als körperliches Wrack in unser Dorf zurück. Die zurückliegenden Jahre hatten ihn hart gemacht. Ein Held?

Helden, das waren in meiner Kindheit die Cowboys, die für das Recht kämpften. Die Männer des Wilden Westens, die die Schurken zur Strecke brachten.

Eine besondere Stimmung, die mit Stille und Nachdenklichkeit einhergeht, gehört für mich auch heute noch zum Volkstrauertag. Ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens. Die Opfer der Kriege mahnen uns, alles Menschenmögliche zu tun, damit Krieg und Gewalt überwunden werden und wir den Frieden riskieren. Oder in den Worten Jesu: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Zum Nachlesen
Johannesevangelium, Kapitel 14, Vers 27; http://www.friedensdekade.de