Sievershäuser Ermutigung - Preisvergabe 2008

Der Friedenspreis geht an ein Brot für die Welt Projekt


Fatmata Sesay wurde mit zwölf Jahren verschleppt. Ihr gelang die Flucht, sie nahm Kontakt zu MADAM auf und lernte Schneiderin. Doch ihr größter Wunsch ist, Radiojournalistin zu werden.
Foto: Gerd-Matthias Hoeffchen

In diesem Jahr hat die Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und über Friedensarbeit Sievershausen wieder den Friedenspreis Sievershäuser Ermutigung ausgeschrieben. Dieses Mal wurden beispielhafte Initiativen und Projekte gesucht, die mit ihrer Friedensarbeit ehemaligen KindersoldatInnen auf den Weg zurück ins Leben und die Gesellschaft helfen.
Ausgewählt wurde von der Jury das Projekt MADAM aus Sierra Leone, das seit sieben Jahren von Brot für die Welt gefördert wird. Die Ermutigung wird im Rahmen einer Feierstunde am 7.Dezember ab 15.00 Uhr an Frau Renate Of überreicht, die als Projektleiterin von Brot für die Welt den Preis stellvetretend entgegen nehmen wird. Ein Vetreter von MADAM wird im kommenden Sommer nach Sievershausen kommen und aus erster Hand von der Arbeit in Westafrika berichten.

Die Laudatio hält Gisela Fähndrich, Präsidentin des Antikriegshauses

In das Thema Kindersoldaten führt Prof.em. Johann-Christoph Emmelius, Mitglied im Vorstand des Antikriegshauses, ein.

Die Feierstunde wird geleitet von Elvin Hülser, Vorsitzender des Antikriegshauses.

Im Anschluss an die Verleihung besteht Gelegenheit zm Gedankenaustausch bei einemkleinen Imbiss.

Im September 1990 trat die Kinderechtskonvention der Vereinten Nationen in Kraft, ratifiziert von nahezu allen Ländern der Erde (mit Ausnahme von Somalia und den USA). Sie hat damit die höchste Akzeptanz aller UN-Konventionen. In einem Zusatzprotokoll der Kinderrechtskonvention wird die Verwendung von Kindern als Soldaten geächtet. Erst seit Februar 2002 aber ist der Missbrauch von Kindern als Soldaten laut dieser Vereinbarung verboten. Dennoch unterliegen weltweit noch immer hunderttausende von Kindern diesem Missbrauch. Kindersoldaten, zumeist zwangsrekrutiert und zum Dienst gezwungen, vielfach auch aus der Not geborene „Freiwillige“, sind in vielen Kriegsparteien fester Bestandteil der militärischen Infrastruktur. Der Großteil der Kindersoldaten ist zwischen 15 und 18 Jahre alt, aber eine erhebliche Anzahl wird bereits in jüngerem Alter rekrutiert, manche sind gerade um die sieben Jahre alt. Eine reguläre Beendigung dieses „Militärdienstes“ ist so gut wie unmöglich: Selbst wenn es den schwer traumatisierten jungen Menschen gelingt, ihren Herren und ihren vormaligen „Kameraden“ zu entkommen, bleibt ihnen der Weg zurück in ein ‚normales’ Leben zumeist versperrt, denn sie finden sich im Alltag nicht mehr zurecht, und die Gesellschaft betrachtet ehemalige Kindersoldaten in der Regel als zum Töten gedrillte Monster. Ohne die unerlässliche Arbeit der Rehabilitationsprojekte bestünde für die Kinder kaum Aussicht auf eine halbwegs geordnete Zukunft.

Vor einem weiteren Problem stehen geflohene Kindersoldaten, wenn sie ihre Heimat verlassen müssen und versuchen, beispielsweise in Deutschland Asyl zu finden. Denn die deutsche Rechtssprechung sieht diese Kinder als Deserteure an, denen politisches Asyl nur dann zu gewähren ist, wenn ein zusätzlicher politischer Fluchtgrund vorliegt – ein Auffassung, die sich im Übrigen maßgeblich von der Haltung der Bundesregierung unterscheidet, die sich in den letzten Jahren um die Rechte der Kinder in bewaffneten Konflikten bemüht hat. Aus den oben genannten Gründen kommt auch eine Würdigung von Menschen in Betracht, die sich in Deutschland um die Unterstützung ehemaliger Kindersoldaten in Asylverfahren bemühen.

Die Sievershäuser Ermutigung wird seit nunmehr 20 Jahren im zweijährigen Rhythmus für beispielhafte Friedens- und Menschenrechtsarbeit verliehen. Die Verleihung findet jeweils zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember statt. Die Ausschreibung erfolgt zu wechselnden thematischen Schwerpunkten. So wurde im Jahr 2006 die tschetschenische Menschenrechtlerin Taita Junusova für ihr Engagement für die Opfer des Tschetschenienkrieges und die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen geehrt. Die Ermutigung soll die Preisträger in ihrer Arbeit ermutigen und unterstützen, aber auch darüber hinaus Mut machen, sich für die Ziele von Frieden und Menschenrechten zu engagieren, wie Rupert Neudeck in seiner Laudatio 2006 hervorhob.



Fotoreport aus: Website "Brot für die Welt"