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Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann ist am 4. September zehn Jahre im Amt. Im epd-Interview spricht sie über die Herausforderungen sowie über ihre beruflichen und privaten Höhepunkte und Krisen in dieser Zeit. Außerdem beschreibt die promovierte Theologin künftige theologische und gesellschaftspolitische Themen der Kirche. Die Bischöfin war in den vergangenen sechs Jahren auch Mitglied des höchsten Leitungsgremiums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Rat. Mit Käßmann sprachen Ulrike Millhahn und Christof Vetter. |
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epd: Frau Landesbischöfin Käßmann, die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ist mit knapp drei Millionen Mitgliedern, mehr als 30.000 hauptamtlichen und etwa 100.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern die größte in Deutschland. Wie lässt sich ein derartig großes Unternehmen steuern und zusammenhalten? |
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Käßmann: Das erlebe ich als große Herausforderung. Unsere Verfassung bindet die Bischöfin in alle kirchenleitenden Gremien wie Kolleg, Bischofsrat und Senat ein. Durch die Koordination dieser Gremien sind immer wieder Konsensentscheidungen auch mit der Synode, bei schwierigen Aufgaben zu erreichen. Die notwendige Entscheidung von 2005, mehr als 81 Millionen Euro im Haushalt einzusparen und diesen Schritt, mit allen Beteiligten gemeinsam zu bewältigen, war ein ungeheurer Kraftakt. Dennoch gab es bei allem Ringen keine Auseinandersetzungen im Gegeneinander. Dafür bin ich dankbar. |
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Auch die Präsenz vor Ort ist mir wichtig. Ich habe alle 57 Kirchenkreise zwischen Hannoversch-Münden und Cuxhaven besucht und stehe fast jeden Sonntag auf einer Kanzel, um zu predigen. Es geht also darum, Leitungsaufgaben nach innen wahrzunehmen, die Landeskirche nach außen zu repräsentieren und immer wieder Impulse durch meine regelmäßigen Berichte vor der Landessynode und Vorträge zu geben. |
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epd: Unterscheidet sich das geistliche Leiten einer Bischöfin von Führungsstilen in der freien Wirtschaft? |
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Käßmann: Auf jeden Fall. Es kann nicht autoritär von oben passieren, im Sinn von "Ich will etwas und setze es durch". Im Grunde müssen wir als Evangelische immer so leiten, wie es im Augsburger Bekenntnis von 1530 steht: nämlich nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch das Wort. Ich in den zehn Jahren über 500 Predigten und noch einmal so viele Vorträge gehalten. Das zeigt, wie ungeheuer wichtig das Wirken durch das Wort ist. Ich investiere viel Zeit in die Vorbereitung dieser Texte und setze mich darin sowohl mit theologischen als auch mit gesellschaftspolitischen und sozialen Fragen auseinander. Es geht um Präsenz, Transparenz und Überzeugungskraft. |
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Sehr viel bedeuten mir Netzwerke. Ich bin dankbar, dass ich diese in Hannover aufbauen konnte. Es ist entlastend zu wissen, welche fünf Menschen ich schnell und unbürokratisch zusammenholen kann, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Großartig an unserer Landeskirche ist, dass immer Menschen da sind, die sich begeistern für eine Sache. Wenn die Bischöfin eine Idee hat, aber keine Netzwerke und damit Mitstreiter, die diese Idee aufgreifen und umsetzen, kann sie keinen Boden gewinnen. |
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So ist das "Netzwerk Mirjam" entstanden, das seit fast zehn Jahren Müttern in Not hilft. Wir haben die Kampagne "Advent ist im Dezember" gegen den vorweihnachtlichen Einkaufsrummel ins Leben gerufen, die auch von der EKD aufgegriffen wurde. Im vergangenen Jahr haben wir anlässlich der Olympischen Spiele mit einem Armband auf Menschenrechtsverletzungen in China hingewiesen. Es wurde 235.000 Mal aus Ländern der ganzen Welt angefordert. |
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In den ersten Jahren meiner Amtszeit hat mir ein Spruch meiner Großmutter "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch die Kraft, es auszufüllen", Mut gemacht. Es gab vor zehn Jahren einige Menschen, die mein Alter und damit die mögliche Länge meiner Amtszeit problematisierten. Ich wurde zwei Tage nach meinem 41. Geburtstag gewählt und kann laut Kirchenverfassung bis zur Pensionsgrenze im Amt bleiben. |
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Das hat sicher den Nachteil, dass Erneuerung durch eine andere Person so schnell nicht kommt. Andererseits gibt es den Vorteil der Kontinuität. Nach zehn Jahren kenne ich viele Entscheidungsträger in der Politik, Wirtschaft und Kultur, die ich mit relativ kurzem Draht auch erreichen kann. |
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epd: Welchen Stellenwert hat die Landeskirche für Sie als ehemalige Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages und als gebürtige Hessin bekommen? |
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Käßmann: Ich habe eine große Liebe zu meiner Landeskirche entwickelt und schätze die Weite ihrer Themen: von Lüchow-Dannenberg und der Atomkraft über Fragen der Landwirtschaft, die diese Kirche sehr prägt, bis zu VW in Wolfsburg. Mir gefallen auch ihre Traditionen und ihre gut lutherische Verankerung. |
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Auch die sich sehr unterscheidenden Frömmigkeitsprägungen finde ich immer wieder spannend: die Hermannsburger Missionstradition, die Prägungen in Ostfriesland, die südniedersächsische Region mit den zahlreichen kleinen Gemeinden und dann die sehr großen Kirchen in Lüneburg, Osnabrück oder den Dom in Bardowick. Ich mag die Vielfalt, die Tradition und Innovation im Gleichgewicht hält. Hier leben beeindruckende Menschen, die sich in unserer Kirche mit viel Herzblut engagieren. Ich bin gern in den Gemeinden vor Ort. |
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epd: Was waren Ihre Höhepunkte in dieser Zeit? Käßmann: Der erste Höhepunkt war die Expo 2000 in meinem ersten Amtsjahr mit dem Christus-Pavillon und den Stundengebeten mitten auf der Weltausstellung. Auch der Kirchentag 2005, bei dem wir als Landeskirche mit Begeisterung engagiert waren, gehört dazu. Am Ende waren alle beeindruckt, wie weltoffen und fröhlich Christinnen und Christen sein können. Das hat auch nachhaltig gewirkt. Auch der Tag des Ehrenamtes 2001 war für mich wichtig, als 8.000 Ehrenamtliche aus der Landeskirche zusammenkamen. |
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epd: Und welche beruflichen und persönlichen Entscheidungen waren schwierig? |
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Käßmann: Bei den Sparmaßnahmen haben wir beschlossen, nicht mit dem Rasenmäher zu kürzen, sondern Gemeindepfarrstellen unterproportional und kirchliche Einrichtungen überproportional zu kürzen. Das hatte bittere Entscheidungen zur Folge. Die Evangelische Fachhochschule Hannover wurde an das Land übertragen, das Predigerseminar in Celle ebenso geschlossen wie das Haus am Kreuzberg in Göttingen, und auch das Tagungshaus Lutherheim in Springe wurde aufgegeben. |
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Viele Mitarbeitende erleben, dass ihre Belastungen steigen. Das gilt für Pastorinnen und Pastoren, die immer größere Bereiche zu bewältigen haben. Und während der Bedarf zum Beispiel an Diakoninnen und Diakone wächst, wird die Kapazität von Hauptamtlichen immer geringer. Wir geben 86 Prozent aller Einnahmen für Personal aus, das heißt, wenn unsere Einnahmen durch zurückgehende Kirchensteuern sinken, müssen wir an Personal sparen. Das tut mir weh, denn an Aufgaben mangelt es wahrlich nicht. |
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Auf der einen Seite müssen wir die Stelle einer Krankenhausseelsorgerin um die Hälfte kürzen, gleichzeitig gibt es aber immer mehr Patienten, die gar keinen Besuch bekommen und dringend auf Kontakte angewiesen sind. Es belastet mich, dass die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen das Gefühl haben, am Ende ihrer Belastbarkeit zu sein. |
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Schwierige persönliche Entscheidungen gab es auch. 2006 wurde bei mir eine Krebserkrankung festgestellt und 2007 ist meine Ehe geschieden worden. Vor allem meine Scheidung hat mich extrem belastet. Ich bin meiner Landeskirche dankbar, dass sie mich durch diese Zeit getragen hat. |
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epd: Sie haben gesagt, dass Sie mindestens einmal pro Woche auf einer der knapp 1.400 Kanzeln Ihrer Landeskirche stehen und predigen. Findet das Wächteramt der Kirche über brennende gesellschaftliche Fragen noch immer auf der Kanzel statt? |
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Käßmann: Ja. Das gilt zunächst für Glaube und Theologie. Aber auch brennende gesellschaftliche Themen gehören auf die Kanzel, denn die Bibel thematisiert ja Fragen von Gerechtigkeit und Frieden beispielsweise. Sie hat mit dem Leben der Menschen zu tun. Und ich kann nicht in einem Gottesdienst predigen, ohne mich zu fragen, was die Menschen gerade beschäftigt. Text und Kontext gehören zusammen. Wenn eine Gemeinde sich um eine Iranerin kümmert, die abgeschoben werden soll, kann ich nicht ignorieren, dass in der Bibel steht "Den Fremdling, der unter euch wohnt, den sollt ihr schützen". |
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Dafür ist Zahra Kameli ein Beispiel. Sie wurde mit 16 Jahren im Iran mit einem älteren Mann zwangsverheiratet, den sie verließ. In Deutschland trat sie zum Christentum über. Eine Abschiebung wäre für sie lebensgefährlich gewesen. Unsere Kirche hat durch ihr Wächteramt und durch das Engagement vieler Menschen nicht nur maßgeblich dazu beigetragen, dass sie im Jahr 2005 in Deutschland bleiben durfte. Eine weitere Folge war, dass ein Jahr später auch in Niedersachsen als vorletztem Bundesland eine Härtefallkommission entstand. Um über Kamelis Fall zu beraten, holte das Innenministerium erstmals alle Parteien an einen Tisch. |
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Wenn ich den Talar anziehe, werde ich keine andere Person. Nach lutherischem Amtsverständnis gibt es kein geweihtes Priesteramt. Das Wächteramt findet aber auch bei nicht-kirchlichen Veranstaltungen statt, zum Beispiel, wenn ich Vorträge vor Steuerberatern oder Bankern halte und über christliche Ethik spreche. |
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epd: Sie waren in den vergangenen sechs Jahren Mitglied des obersten Leitungsgremiums der EKD, dem Rat. Welche Themen bleiben auch für die nächste Ratsperiode ein Dauerbrenner? |
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Käßmann: Ganz sicher bleibt das Bildungsthema. In der vergangenen Ratsperiode haben wir einen klaren Akzent gesetzt, was die Rolle der Kirche in der Bildungslandschaft betrifft - sowohl bei den Kindertagesstätten als auch bei den Schulen und dem Religionsunterricht. |
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Im Gespräch mit den Muslimen müssen wir unsere Klarheit behalten, aber uns weiterhin fragen, wie wir gute Nachbarschaft leben. Mir liegt daran, sowohl einen Dialog des Respekts in Deutschland zu führen, als auch für Religionsfreiheit in anderen Ländern einzutreten. Auch das Thema Ethik mit Palliativmedizin, Hospizen, christlichen Patientenverfügungen ist ein Dauerbrenner. Die gesamte Entwicklung rund um die Pflege gehört zu den Themen der kommenden Jahre. Und theologisch gesehen bleibt die Herausforderung, Glaube und Vernunft zusammenzuhalten. |
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epd: Menschen wünschen sich Umfragen zufolge von den Kirchen eher eine individuelle Begleitung und haben weniger Interesse daran, dass sie sich bei gesellschaftspolitischen Fragen einmischen. Gibt es Themen, in die sich die Kirchen nicht einmischen sollten oder müssen? |
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Käßmann: Ich kann diesen Wunsch gut verstehen. Deshalb ist es mir wichtig, die Arbeit in den Gemeinden so zu stärken, dass die Menschen sich persönlich begleitet wissen. Gleichzeitig kann ich aber die biblische Botschaft nicht weitergeben, ohne die gesellschaftliche Situation im Blick zu haben. Ich kann doch nicht darüber predigen, dass Jesus Gerechtigkeit für die Armen will und dabei ignorieren, wie es armen Menschen heute geht. |
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Wir sollten allen, die am Rande der Gesellschaft leben, besonders nah sein. Gleichzeitig muss die Kirche aber auch die finanziell Starken anerkennen und ihnen danken, dass sie es uns ermöglichen, Leistungen für die Schwächeren zu erbringen. Mit dem Geld der Kirchensteuernzahler unterstützen wir vor allem die Menschen, die Hilfe brauchen: Alte, Behinderte, Kinder, Kranke und Obdachlose. |
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Dabei sollte sich die Kirche nicht in parteipolitisches Gezänk einmischen. Es gibt auch bunte Themen des Boulevards, bei denen eine Abstinenz gefragt ist. Ich stehe nicht zur Verfügung, wenn sich eine Zeitung von mir zum Beispiel eine zielgerichtete "bischöfliche" Empörung zu einem reißerischen Thema wünscht. |
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epd: Wenn Sie einen Blick in das Jahr 2019 wagen: Wird die evangelische Kirche mit ihren inzwischen 22 Landeskirchen dann noch immer mehr oder weniger in den Grenzen des Wiener Kongresses von 1815 organisiert sein? |
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Käßmann: Eine Zusammenlegung von Landeskirchen ist an sich noch kein geistliches Erfolgsmodell, aber sie kann nützlich sein. Deshalb hätte ich zum Beispiel eine evangelische Landeskirche in Niedersachsen für sinnvoll gehalten, so wie der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber sie im März vorgeschlagen hat. |
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Die hannoversche Landessynode hat dies auch einstimmig befürwortet. Da aber die Kirchenparlamente der vier kleineren Kirchen von Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe und der Evangelisch-reformierten Kirche eine derartige Fusion nicht wollen, werden wir sie natürlich nicht dazu drängen. |
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In Mitteldeutschland scheint mir ein sehr positiver Prozess stattzufinden, was die Zusammenarbeit von Kirchen mit unterschiedlichen evangelischen Bekenntnissen betrifft. Die je eigene Bekenntnistreue wird respektiert, aber gleichzeitig die Leuenberger Konkordie von 1973 anerkannt. Damals hatten sich ja die lutherischen, reformierten und unierten Kirchen Europas unter Berücksichtigung ihrer Traditionen auf eine gemeinsame Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und gegenseitige Anerkennung der Ordination geeinigt. |
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Ich halte das auch für ein Modell mit den Katholiken, aber ich weiß, dass dies von der römisch-katholischen Kirche anders gesehen wird. Ökumene heißt für mich nicht Gleichmacherei. Ich möchte nicht katholisch werden, und ich verlange von keinem katholischen Christen, dass er lutherisch wird. |
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Vielfalt kann sehr kreativ sein, für mich wäre es ein Modell versöhnter Verschiedenheit zu sagen, wir bleiben verschieden, aber wir erkennen uns gegenseitig als Kirchen an. Wir erkennen unsere jeweiligen Ämter an und können deshalb das Abendmahl als Symbol der Einheit miteinander feiern. Für die katholische Kirche ist dies zurzeit kein gangbarer Weg, aber für mich wäre es einer: Verschiedenheit respektieren und trotzdem Einheit feiern. |
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epd: Ende Oktober wählt die EKD-Synode in Ulm einen neuen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende des Rates. Wenige Tage später feiern Sie am Reformationstag, dem 31. Oktober, gemeinsam mit der Popgruppe "Die Prinzen" einen Fernsehgottesdienst in der Stiftskirche in Wunstorf bei Hannover – auf jeden Fall als Bischöfin der hannoverschen Landeskirche, auch als neue Ratsvorsitzende der EKD? |
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Käßmann: Dieser Gottesdienst wird definitiv stattfinden: mit den "Prinzen" und der Bischöfin der hannoverschen Landeskirche. |
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Gottvertrauen: Margot Käßmann am Beginn eines Gottesdienstes. Im Alltag lehnt sie klerikale Kleidung ab.
Foto: Julia Knop
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Bischöfin der Herzen Termin mit Margot Käßmann |
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Die Theologin ist in den letzten zehn Jahren zur wichtigsten Sympathieträgerin der evangelischen Kirche geworden. Auch, weil sie offen mit ihren Niederlagen umgeht |
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Von Wolfgang Thielmann |
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Das kann noch kein Bischof, und vielleicht wird es so auch keiner können: Mitten zwischen den Siebenjährigen der zweiten Klasse der Grundschule West sitzt Margot Käßmann und greift zum Geschichtenbuch, das sie selbst herausgegeben hat. Fünf Minuten mit dem lieben Gott. „Ich lese euch die Geschichte von Michael vor. Heißt einer von euch so?“ Tatsächlich. Michael zeigt auf. „Das ist dann eine Geschichte für dich“, sagt sie und schaut ihn an. Ein Lächeln huscht über Michaels Gesicht, und es verliert sich erst, als der Drache ins Spiel kommt, mit dem der Erzengel kämpfen muss. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Bibliothek „Muschel“ in Warsingsfehn bei Leer zücken die Digikameras. Die Kinder hängen an den Lippen der Bischöfin aus dem fernen Hannover. Ab heute wissen sie, wer die Bischöfin ist. Als der Drache besiegt ist, erzählt sie den Kindern von der Michaeliskirche in Hildesheim „in unserer Landeskirche“. Später wird sie den Erwachsenen sagen, es sei ihr wichtig, dass man die Landeskirche kennt und nicht nur die Kirchengemeinde und die Evangelische Kirche in Deutschland. Und als eines der Kinder meint, der Teufel habe Hörner, da widerspricht sie: „Das wissen wir nicht.“ Mit wem Margot Käßmann redet, dem lässt sie nichts durchgehen. Kinder und Erwachsene fühlen sich ernst genommen. |
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Auch deshalb, weil sie Nähe schafft. Kurz vorher hört sie den Mitarbeiterinnen der Bibliothek zu. Manchmal zieht sie das Spielbein im langen schwarzen Rock – es ist das rechte – an den Körper und steht kerzengerade, und dann kommt der Moment, in dem sie ein kleines bisschen unruhig wird, das Wort ergreift und sich bedankt. Sie sagt, wie wichtig sie Bildung und Begegnung findet, auch dafür, dass Christen auf den Glauben zu sprechen kommen können, und das deshalb hier unendlich Wichtiges geleistet wird. Auf den Gesichtern – alles Frauen, alle ehrenamtlich – breitet sich Glanz aus. In solchen Momenten fragt niemand, warum die hannoversche Bischöfin die wichtigste Sympathieträgerin der evangelischen Kirche geworden ist. |
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Lutherbonbons in der City |
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Draußen, im Foyer vor den Räumen mit den Büchern und CDs, wartet ein schlohweißer, gebeugter Mann mit kantigem Ostfriesenkopf über einem blauen Anorak. Auch er will sich bedanken. Er war ein Heimkind, und Margot Käßmann hat im vergangenen Herbst gegen alle Widerstände durchgesetzt, dass die Geschichte der Erziehung in evangelischen Heimen in ihrer Landeskirche von unabhängigen Historikern aufgearbeitet wird. |
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Sie kann sich aufregen: „Ich finde es schlimm, dass man unseren Glauben und seine Symbole verächtlich machen kann, und keiner schreitet ein“, sagt sie. Oder als ihr eine Zeitung vorwarf, sie beschäftige sich mit Lappalien wie dem Verteilen von Lutherbonbons in der City von Hannover, ohne zu erwähnen, dass an den Bonbons das Vorweihnachtsprogramm der Innenstadtkirchen hing. Aber Ärger hält sie nicht lange auf: „Ich kann ziemlich schnell wieder fröhlich sein, wenn’s mal einen Tiefschlag gibt; das ist ein Geschenk.“ Die hannoversche Kirche ist die mitgliederstärkste unter den 22 evangelischen Landeskirchen. Drei Millionen Menschen zwischen Ostfriesland und Wendland. Wie geht sie mit Macht um? Sie zögert einen Moment lang. „Mir wurde schon gesagt: Dein Vorgänger, der Horst Hirschler, der hat auf den Tisch gehauen. Ich rede mehr, und es geht auch. Aber das Bischofsamt in Hannover hat auch eine starke Stellung.“ Am Hals trägt sie ein Goldkettchen mit Fünf-Zentimeter- Kreuz aus Perlen, ein Hauch von Andeutung des Amtes. Klerikale Kleidung lehnt sie ab. Ihre Jacke mit grausilbernem Floralmuster glitzert unter den Kirchenlampen. |
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Zehn Jahre ist es her: Jürgen Johannesdotter, der Landessuperintendent des großen Sprengels Stade, ein älterer, gesetzter Herr, so wie man sich einen Bischof vorstellt, bewarb sich um die Nachfolge des Landeskirchenvaters Horst Hirschler. Und Margot Käßmann, die damals 41-jährige Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages, setzte sich vor der hannoverschen Landessynode gegen ihn durch, als zweite Bischöfin in Deutschland nach Maria Jepsen in Hamburg, so jung wie noch nie ein Neuling in diesem Amt. Eine steile Karriere. Da lacht sie. „Karriere? Ich hatte ja erst nach zehn Jahren Teilzeit, Projekten und Mutterschutz meine erste Vollzeitstelle.“ Das war 1992, als sie als Studienleiterin zur Evangelischen Akademie nach Hofgeismar bei Kassel ging. Die jüngste ihrer vier Töchter war ein Jahr alt geworden. Was sie ist, wurde sie auch mithilfe des Ökumenischen Rates der Kirchen. Als Marburger Theologiestudentin entsandte die Evangelische Kirche in Deutschland sie als Delegierte zur Weltkirchenkonferenz 1983 nach Vancouver – und sie kam als Mitglied des Zentralausschusses zurück, der so etwas wie das Parlament der Ökumene ist. Da hat sie, inspiriert durch Carl Friedrich von Weizsäcker, den Zusammenhang von Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung zu ihrem Thema gemacht. Und die Gemeinschaft über Konfessionsgrenzen hinweg schätzen gelernt. Es muss bitter weh getan haben, als 19 Jahre später, im Jahr 2002, die orthodoxen Kirchenführer bekanntgaben, dass sie keine gemeinsamen Gottesdienste mehr mit anderen Kirchen feiern. Konsequent gab sie ihren Parlamentssitz auf. „Im katholischen Bereich, bei Orthodoxen oder auch in den lutherischen Kirchen Osteuropas bin ich nach wie vor eher eine Exotin“, sagt sie. „Klares Auftreten hilft dann. Du darfst nicht anfangen, an dir selbst zu zweifeln.“ Margot Käßmann weiß, dass sie da den Rückhalt der gesamten Evangelischen Kirche in Deutschland hat. |
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Der war einen Moment unsicher, als sie vor eineinhalb Jahren die Scheidung von ihrem Mann Eckhard ankündigte. Offen und öffentlich gestand sie ihr Scheitern ein, und der Respekt wuchs. Die Kritik ist leise geworden. „Natürlich tut es mir weh, dass meine Ehe nicht gehalten hat“, sagt sie, „da bleibt ein Gefühl der Trauer. Ich hätte es gern anders gehabt.“ Ihr Vater starb, als sie sechzehnjährig Austauschschülerin in den USA war. „Von ihm“, sagt sie, „habe ich wohl die Fröhlichkeit.“ Frauen haben in ihrem Leben tragende Rollen gespielt. Ihre Mutter zuerst, eine gelernte Krankenschwester, eine fromme, lebenskluge Frau. Sie wuchs mit zwei älteren Schwestern auf und hat vier Töchter.Sie mag an der feministischen Theologie, dass sie „weibliche, mütterliche Gottesbilder der Bibel ins Bewusstsein gebracht hat“. |
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Dann erzählt sie von Männern. Die sie auf die Idee brachten, in einer Kinderpause zu promovieren. Von Ernst Benda, dem Verfassungsrichter und Kirchentagspräsidenten, der vor zwei Wochen starb. Er schlug sie als Generalsekretärin vor. Und von Heinz Zahrnt, dem respektheischenden Cheftheologen des Kirchentages, der sie anfangs lang gezogen mit „Frau Doktor Käßmann“ ansprach, dann mit „liebe Frau Doktor Käßmann“. Schließlich fragte er sie: „Liebes, wollen Sie mich nicht beerdigen?“ Vor sechs Jahren hat sie die Bitte erfüllt. Bei der Einführung als Bischöfin wandte sie sich an ihn, der in der Kirchenbank saß: „Glaube, das habe ich von Ihnen gelernt, ist das herzliche Vertrauen auf Gott als Antwort auf die Angst der Welt.“ |
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Laufen ist ein spirituelles Erlebnis |
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Abends spricht die Bischöfin in Leer über die Kirche und die Medien. Über die Erwartungen, die die Kirche haben kann, denn jeden Sonntag gehen sechs Millionen Menschen in Gottesdienste, aber in den Bundesligastadien versammeln sich nur 800 000. Bald aber redet sie vor allem über ihre Erfahrungen mit den Medien. Über ihre Brustkrebserkrankung im Herbst 2007, die sie selbst bekannt gegeben hat. „Dafür haben Leute mich kritisiert. Aber hätte ich die Medien wochenlang über die Unpässlichkeit der Bischöfin spekulieren lassen sollen?“ |
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Auch am Pult steht sie aufrecht, zieht mit dem rechten Arm mitunter die Bögen der Sätze nach, die sie spricht, immer kurz und immer jargonfrei. Den linken Arm, eine typische Bewegung, stemmt sie dann meist in die Hüfte. „Ich gehe nicht in jede Talkshow, in die ich eingeladen werde. Streit ist okay, aber was nur auf Krawall gebürstet ist, muss ohne mich auskommen.“ Tags zuvor am Morgen ist sie wie gewohnt um den Maschsee gejoggt. Im Magazin „Runner’s World“ hat sie eine Theologie des Laufens entworfen. Seit je sehen die Christen ihr Leben mit Gott als Weg. Der Rhythmus, die Schritte, der Atem – „das kann ein spirituelles Erlebnis sein“, sagt sie. Als sie zu laufen begann, fragte eine Zeitung, ob eine Bischöfin sich in kurzen Hosen zeigen darf. Heute wird sie erkannt und gegrüsst, „und das Schöne – und der Unterschied zu Politikern – ist: Die Leute freuen sich, wenn sie eine Bischöfin sehen.“ |
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„Ihr stehen alle Wege offen“, schrieb der Rheinische Merkur nach ihrer Wahl zur Bischöfin. Zum Beispiel der Vorsitz im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Oktober, wenn Wolfgang Hubers Amtszeit abläuft, wird gewählt. |
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aus: Rheinischer Merkur · Nr. 11 / 2009 |
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