Zum Sonntag

Hinschauen: Zivilcourage bleibt gefragt


Friedrich Kanjahn ist Notfallseelsorger und Pastor in der Kirchengemeinde Dollbergen-Schwüblingsen

Die Nachricht hat viele schockiert: Vor wenigen Tagen wurde in München ein 50-jähriger Mann von Jugendlichen so zusammengeschlagen, dass er an den Folgen starb. Angegriffen wurde er, weil er Kinder vor eben diesen Jugendlichen schützen wollte. Ein Sieg der Gewalt über Zivilcourage? In diesem Fall wohl ja. Aber unsere Gesellschaft braucht weiter Menschen, die sich beherzt gewaltbereiten Menschen entgegenstellen. Nicht mit Gewalt, aber entschieden und mutig. Hinschauen statt Weggucken. Zivilcourage bleibt gefragt.

Vor einigen Jahren wurde in einem Erste-Hilfe-Lehrgang gefragt: „Womit beginnt Erste Hilfe?“ Nach einer intensiven Diskussion wies der Ausbilder auf den einfachen ersten Schritt hin: Hinschauen. Die Situation überblicken. Und dann entscheiden, was man selbst tun kann und muss. In einer Bedrohungssituation bleiben für das Hinschauen, Überlegen und Einschreiten nur Sekunden. Und die eigene Sicherheit muss an erster Stelle stehen – mit dem Risiko, dass ich auf etwas Sicherheit verzichten muss, um anderen zu helfen, im Extremfall womöglich mit dem Risiko, das eigene Leben einzusetzen. Das gilt insbesondere für Einsatzkräfte wie Polizeibeamte und Feuerwehrleute.

Ein geradezu klassischer Text dazu ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Jesus hat darin gezeigt, wer der Mensch ist, um den wir uns kümmern sollen: der, der unsere Hilfe braucht. Der Samariter, der den überfallenen Mann sieht, kümmert sich um ihn, obwohl noch Räuber in der Nähe sein könnten. Er bringt den Verletzten in eine Herberge und lässt ihn dort pflegen. Für mich ist dieses Gleichnis unter anderem ein Beispiel dafür, dass es nicht so sehr auf die Heldentaten Einzelner ankommt, sondern um die gemeinsame Hilfe. Gewalt war schon immer stark – aber das Eintreten gegen Gewalt darf nicht aufhören.

Zum Nachlesen
Lukas, Kapitel 10, Verse 29 –37