Zum Sonntag

Blick zurück ist wichtig für die Zukunft


Susanne Paul ist Pastorin in der Ev.-luth. Martin-Luther-Gemeinde Ehlershausen, Ramlingen, Otze

„Also, mal muss mit der Vergangenheit auch Schluss sein!“, sagte die Frau, als ich ihr einen Flyer für den Gedenkweg am 9.11. mitgeben wollte. „Man kann doch nicht immer nur zurückschauen, oder?“

Recht hat sie. Wer immer nur zurückschaut, verpasst viel und ändert wenig. Und doch – sich der Vergangenheit bewusst sein, sich erinnern, damit kann nicht Schluss sein. In diesen Tagen ist uns das besonders gegenwärtig: wir erinnern uns an die Zeit vor 20 Jahren, als die Mauer fiel und wir erinnern uns an die Verbrechen, die in Deutschland passierten, am Jahrestag der Reichspogromnacht. Die eine Erinnerung lässt uns dankbar sein, die andere macht uns immer wieder stumm und fassungslos. Beide Erinnerungen sind wertvoll - wenn sie uns in die Gegenwart und Zukunft weisen.

So funktioniert Erinnern in der Bibel. Da geht es nicht darum, darin zu schwelgen, dass früher alles besser war bei Mose oder Abraham oder Jesus. Da geht es darum, sich zu erinnern und daraus Schlüsse zu ziehen für die Gegenwart, damit so Zukunft gestaltet werden kann. Wie war das damals, beim Auszug aus Ägypten, mit dem Goldenen Kalb oder dem Barmherzigen Samariter, was können wir daraus heute für unser Leben, für unseren Glauben lernen, welche Botschaft können wir für uns aus den Fehlern, dem Scheitern unserer Vorfahren ziehen.

So setzt Erinnern in Bewegung - auch heute. Der Dank für die friedliche Revolution schärft unseren Blick für Mauern, die uns heute noch trennen und an denen wir selber mit bauen. Das Entsetzen über die Gräuel, die in unserem Land möglich waren, macht uns wachsam gegenüber lebensfeindlichen Ideologien und unserer eigener Anfälligkeit dafür.

„Man kann doch nicht immer nur zurückschauen, oder?“ Nein, das kann man nicht. Aber nur nach vorne zu sehen, ohne im Blick zu haben, woher wir kommen und wohin wir wollen, das geht eben auch nicht.