Abschied von Robert Enke

Gottesdienst hält Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann


Hannover hat Abschied von Robert Enke genommen – zunächst mit der Trauerandacht, für die die Marktkirche zu klein für alle Teilnehmer war, dann mit einem Trauermarsch vom Kröpcke zur AWD-Arena.

Zu der Trauerandacht, die über Lautsprecher auch auf den Marktplatz übertragen wurde, waren neben vielen Fußballfans auch die Spitzenfunktionäre des deutschen Fußballs, Bundestrainer Joachim Löw mit seinem Stab, Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack und die Vertreter von Hannover 96 erschienen. „Jetzt ist die Zeit der Trauer um einen Menschen, der Jugendlichen und Erwachsenen viel bedeutet hat“, sagte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei der Andacht (Text s. unten).

Beim folgenden Trauermarsch gingen unter anderem 96-Manager Jörg Schmadtke und Trainer Andreas Bergmann an der Spitze. Sie trugen ein schwarzes Banner mit der Aufschrift „Ruhe in Frieden“. Als sie am Stadion angekommen waren, gingen die letzten Teilnehmer gerade am Kröpcke los.


Andacht gehalten von Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann in der Marktkirche Hannover am 11. November 2009

Wenn du durch einen Sturm gehst
Geh erhobenen Hauptes
Und habe keine Angst vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms
Gibt es einen goldenen Himmel
Und das süße, silberhelle Lied
einer Lerche
Geh weiter, durch den Wind
Geh weiter, durch den Regen
Auch wenn sich alle Deine Träume
in Luft aufl ösen
Geh weiter, geh weiter, mit Hoff nung
in deinem Herzen
Du wirst niemals alleine gehen
Geh weiter, geh weiter,
mit Hoff nung in deinem Herzen
Du wirst niemals alleine gehen

Ja, You´ll never walk alone ...

Doch Robert Enke ist seinen Weg alleine zu Ende gegangen. Ganz alleine in der Dunkelheit, die in ihm gewesen sein muss. Alle dachten, er ist wieder da, kehrt zurück zu seinem geliebten Sport, geht seinen Weg weiter gemeinsam mit der Mannschaft und den Fans von Hannover 96, weiter auch mit der Nationalmannschaft. Und dann kam gestern Abend die unfassbare Nachricht, dass er in diesem Leben nicht mehr weitergehen wollte.

Alle Vermutungen, die große Frage nach dem Warum, sie sollten wir mit großer Vorsicht behandeln. Jetzt ist die Zeit der Trauer um einen Menschen, der vielen Jugendlichen und Erwachsenen viel bedeutet hat. Der ihnen Vorbild war, Hoff nungsträger. Ein Sportler, der seinen hundertprozentigen Einsatz für seinen Sport mit sozialem Einsatz verbunden hat. Ein Mann, dessen Umgang mit seiner kranken Tochter und ihrem Tod uns alle berührt hat. Ein Mann, der so viel zurücklässt, was ihm kostbar und wertvoll war.

An ihn denken wir heute Abend in dieser Andacht. Wir denken an Teresa Enke und ihre kleine Tochter, die ein neues Familienleben aufbauen wollten. Wir denken heute Abend an die Mannschaftskollegen in Hannover und in der deutschen Nationalmannschaft, die Trainer und Betreuer und an alle Fans, die die Nachricht gestern so sehr getroffen hat.

Wir denken an die beiden Lokführer, die Einsatzkräfte und die Notfallseelsorger, die gestern Abend an der Unfallstelle waren.

Wir vertrauen darauf: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand!

Liebe Gemeinde, es ist gut, wenn Sie alle als Robert Enkes Fans, als seine Freunde, seine Kollegen diesen Weg der Erinnerung und der Trauer nicht alleine gehen, sondern hier gemeinsam innehalten, still werden. Es ist gut, wenn auf diesem Weg der Trauer das Länderspiel für den nächsten Samstag abgesagt wird, weil auch im Leistungssport nicht der ununterbrochene Betrieb zählt. Der Tod eines Sportlers gebietet es besonders im Leistungssport, den Lauf anzuhalten, damit deutlich wird: Fußball allein ist nicht unser Leben, sondern Liebe zueinander, Gemeinschaft, sich gehalten wissen auch in allen Schwächen unseres Lebens, das zählt.

Es ist gut, wenn wir uns auf diesem Weg der Trauer im Gebet versammeln. Unsere Kirchen sind Orte, an denen wir miteinander schweigen, weinen und trauern können. Wir werden gleich Stille halten und Kerzen anzünden - weil es manchmal keine Worte gibt, die das Leid ausdrücken können und die leisen Töne, das Schweigen angesagt sind. Stille kann heilsam sein.

Aber wir treten auch mit unseren Zweifeln vor Gott: Warum? Viele fragen auch: Wie kann Gott das zulassen, dass ein Mensch so verzweifelt und keinen anderen Ausweg mehr weiß?

Ich bin zutiefst überzeugt, dass Gott kein Unglück in diese Welt schickt, sondern diese Welt liebt. Gott will nicht Leid über Menschen bringen, sondern sehnt sich danach, dass wir das Leben in Fülle haben, sagt die Bibel. Aber in dieser Welt gibt es Leiden, Schmerz, Krankheit, Ausweglosigkeit und Tod.

Gott begleitet uns gerade in solchen Zeiten. Unser Herz erschrickt ja auch, weil wir an diesem entsetzlichen Tod von Robert Enke erkennen: unser Leben ist zutiefst zerbrechlich und gefährdet. Hinter Glück, Erfolg und Beliebtheit können abgrundtiefe Einsamkeit und Verzweifl ung liegen, die Menschen an ihre Grenzen führen. Wie traurig ist es, dass jemand nicht wagt, über Depressionen und Krankheit zu sprechen, weil das als Schwäche angesehen wird. Oder weil es die Adoption der Tochter gefährden könnte. Krankheit und Leid gehören zum Leben! Dafür gibt es keine Pfiffe! Nein, das ist Empathie, Compassion, Mitleiden.

Völlig unerwartet kann unser Leben zu Ende sein, ob wir nun jung sind oder alt. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, sagt der Psalmbeter. Wer den eigenen Tod im Leben mit bedenkt, hat eine tiefe Lebensklugheit. Wer Leiden kennt, weiß auch um die Tiefe des Lebens und kann anders leben als oberfl ächlich dahin.

Wir werden Leid und Tod, Verzweiflung und Depression in dieser Welt nicht überwinden können. Das wird erst in Gottes Zukunft so sein, in der alle Tränen abgewischt sind. Ich glaube daran, dass auf der anderen Seite der Grenze des Lebens Gott unsere Toten in Empfang nimmt. Ich glaube an die Auferstehung und sie tröstet mich.

So stehen wir vor Gott in dieser Spannung zwischen Aufschrei und Gottvertrauen. Gottvertrauen aber kann uns tragen, das habe ich immer wieder selbst so erlebt. Gott geht mit uns in den schwersten Stunden unseres Lebens. You´ll never walk alone, das ist nicht nur Ihr Lied bei vielen Spielen, sondern es ist auch die große Zusage, die Gott uns gibt. In Psalm 23 heißt es: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele, er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im fi nstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ You´ll never walk alone. Das gilt zuallererst für Teresa Enke, die heute Mittag so mutig von der Liebe gesprochen hat, die sie und ihren Mann getragen hat. Sie muss nun mit dieser Liebe einen neuen Weg fi nden und mit Gottes Hilfe wird sie ihn fi nden für sich und für ihre kleine Tochter. Das gilt für die Familie von Robert Enke. Und es gilt für seine Mannschaftskameraden, die Verantwortlichen im Fußballsport und für Sie alle, seine Fans. Bei Gott können wir zur Ruhe kommen in aller unserer Unruhe.

Und alle Fans sollten das wissen: Robert Enke würde nicht wollen, dass ihm jemand auf diesem Weg folgt! Er hat das Leben geliebt und wünschte sich Wege zum Leben.

Werden wir daher stille. Bringen wir unser Mit-Leiden vor Gott, indem wir Lichter anzünden, für Robert Enke, für seine Familie, für alle, die gestern Abend mit betroff en waren. Suchen wir Wege zum Leben! Halten wir an der Zuneigung zu Robert Enke fest auch über seinen Tod hinaus, den wir so schwer verstehen. Über die Schwelle des Todes hinaus können wir ihn nicht begleiten. Aber wir dürfen der Zusage vertrauen, dass Gott uns über diese Schwelle trägt und auch Robert Enke bei ihm geborgen ist.

Sodass auch auf diesem letzten Weg gilt: You´ll never walk alone. Amen


aus:
Hannoversche Allgemeine Zeitung
Neue Presse
vom 14. November 2009
Auf.: Team zur Nieden