Ansprache zum Volkstrauertag 2009

am Ehrenmal im Burgdorfer Stadtpark 15. November 2009 - gehalten von Superintendent Dr. Ralph Charbonnier


Das vierte Kreuzeswort
Eli, Eli, lama asabthani?
Mein Gott, mein Gott
warum hast du mich
verlassen?
Mk 15, 34

Bild aus der Ausstellung "7 Kreuze" in der Burgdorfer St.-Pankratiuskirche des Flensburger Malers und Bildhauers Uwe Appold

Sehr geehrter Bürgermeister Baxmann, sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

„Erinnerungen sind Selbstbelebungsversuche“ – das sagte der jüdische Schriftsteller Elazar Benyoetz – der als Mensch jüdischer Herkunft allen Grund gehabt hätte, sich Erinnerungen vom Leibe zu halten.

Erinnerungen sind Selbstbelebungsversuche weil die Seele verkümmerte, wenn sie sich abschnitte von ihren eigenen Wurzeln und von ihren jungen Trieben. Was aber, wenn Erinnerungen so schmerzen, dass sie nicht aushaltbar sind?

Kriegskinder nennt man die Menschen, die zwischen Ende der zwanziger bis Mitte der Vierziger Jahre geboren wurden. Sie wurden in Bunkern gestillt. Viele wuchsen Vater-los auf. Bei der Kinderlandverschickung erlebten manche die Trennung von Mutter und Geschwistern. In Kälte und bei Nacht mussten sie fliehen, ohnmächtig Verstümmelung und Vergewaltigungen mit ansehen. Über Leichen mussten sie gehen, wenn sie denn ihr Leben retten wollten. Als Kanonenfutter sollten sie ungefragt ihr Leben im Volkssturm opfern. Kriegskinder mit zerbrechlichen Seelen. 10 bis 30 Prozent dieser Kinder gelten heute als traumatisiert. Unter diesen Bedingungen „Erinnerung als Selbstbelebungsversuche?“

Jahrzehnte waren die Erlebnisse zugeschüttet. Betäubt durch den Überlebenskampf und unendlichen Fleiß beim Wiederaufbau: Mitwirken am Wirtschaftswunder – das ließ vergessen. Eine Familie gründen mit Kindern, die es einmal besser haben sollten – das band alle Aufmerksamkeit – und lenkte ab von Schmerz der Seele. Darunter aber blieb die Seele verletzt. Sie wirkte auf Dauer als Spaltpilz: Gut funktionieren in Familie, Beruf und Gesellschaft, vielleicht sogar besonders erfolgreich sein – zugleich aber emotional unerreichbar sein. Denn würde das berührt, was in der Seele verborgen liegt, zerbräche das Ich.

Die Sünde wirkt fort bis in die dritte, vierte Generation sagt die hebräische Bibel. Die Kriegsenkel, die Kinder der Kriegskinder, die heute zwischen 35 und 50 Jahre alt sind, meinten, ihre Eltern trösten zu müssen, so die Journalistin Sabine Bode nach vielen Recherchen. Leistung sollte Nähe zu ihren Eltern schaffen, die diese nicht geben konnten. Die Kriegsenkel wollten unerheblich bleiben, um den Eltern ein Gefühl von Stärke zu geben, so folgert die Journalistin Sabine Bode weiter. Sich erinnern, sich erzählen lassen, was war – das löst Bindungen an vergangenes Schicksal, das gibt frei für das Leben heute.

Erinnerungen sind Selbstbelebungsversuche. Das gilt auch für Soldatinnen und Soldaten unserer Tage. Immer mehr von ihnen, die in Afghanistan oder an anderen Orten stationiert waren, kehren mit verletzten Seelen zurück. Harte Männer und Frauen wollen viele sein. Gewalt gegen Frauen, Verletzungen von Kindern, das ohnmächtig miterlebte Sterben eines Kameraden wegstecken – das mag gelingen, bis das Innere in Aufruhr gerät, rebelliert. Irgendwann ist das unter-der-Decke-halten der traumatischen Bilder zu anstrengend, irgendwann gelingt es nicht mehr. Dann müssen sie in einer von Bundeswehrärzten begleiteten Traumatherapie all das Schreckliche noch einmal durchleben, um darüber wieder einen Weg ins Leben zu finden. Ziel auch hier: Mit den eigenen Gefühlen in Kontakt kommen. Einen Selbstbelebungsversuch machen, sich erinnern, anerkennen, was war, Trauer, Wut, Angst, Hilflosigkeit herauslassen, sich Leben zusprechen lassen, auf Selbstheilung hoffen.

Frieden bewahren, Frieden schaffen, für einen gerechten Frieden sorgen – das können wir nur, wenn wir seelisch lebendig sind, belebt von der Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Deswegen brauchen wir Menschen, die sich nicht als Helden gerieren, obwohl sie innerlich leer sind, sondern Menschen, die gereift sind, die aus ihren und mit ihren Gefühlen leben, sie auch zu Sprache bringen können. Wenn man weiter von Helden sprechen will, dann sind es diese Menschen, die durch Erinnerung und Annahme ihrer Gefühlswelt in ihrem Innern beseelt sind und deswegen innerlich lebendig weiterleben!

In diesen Tagen müssen wir in der Politik erleben, wie die Seele von Soldatinnen und Soldaten nicht ernst genommen wird: Um völkerrechtlich korrekt zu bleiben, möchten manche die Kämpfe gegen Terroristen nicht als Krieg bezeichnen. Damit nimmt man Erlebnisse von Gewalt durch Panzer, Raketen und Bomben, die schon immer Kriegswaffen waren, nicht ernst. Jeder andere Begriff als Krieg würde die fatalen Folgen dieser Gewalt kleiner machen als sie sind. Aus Sorge um die Seele der Soldatinnen und Soldaten muss vielmehr gefordert werden: Wer hautnah die Wirkung von Sprengstoff und Raketen erlebt, hat ein Recht darauf, mitzubestimmen, als was diese Kampfeshandlungen bezeichnet werden. Nur so wird man den Seelen der Soldatinnen und Soldaten und auch der Angehörigen im Heimatland gerecht.

Nur wo Menschen in ihrer seelischen Verfassung ernst genommen werden, hat der Frieden eine Chance. Denn die Friedfertigkeit, erst recht die Feindesliebe als die größtmögliche Antriebskraft für den Frieden, hat ihren Ort in einer durch Erinnerung frei gewordenen und deswegen zur Verantwortung befähigten Seele.

Wo soll denn die Kraft zur Friedensarbeit und Gewaltprävention herkommen, wenn nicht aus einer friedliebenden Seele? Wir brauchen Menschen, die in Krisengebieten mithelfen, demokratische Strukturen und Rechtsorgane aufzubauen. Wir brauchen Menschen, die zwischen verfeindeten Gruppen vermittelnde Gespräche führen. Wir brauchen bildungspolitische Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit, die Wege in den Frieden weisen. Wir brauchen Menschen, die im Wettbewerb der Verteilung öffentlicher Gelder mehr Finanzen für die Friedensarbeit einsetzen. Wir brauchen Menschen, die für diplomatische Konfliktlösungen brennen und in den Vereinten Nationen wie in Nicht-Regierungs-Organisationen für den Frieden eintreten. Wir brauchen beseelte Menschen – befreit von Wut, Angst, Vergeltungsdrang und Verbitterung, beseelt von Friedenssehnsucht, Versöhnungsbereitschaft und Hoffnung.

Unsere Erinnerung hier und heute ist ein Versuch unserer Verlebendigung. Auch wir, die wir Kriegskinder oder Kriegsenkel sind, mögen frei werden zur Verantwortung für den Frieden.

Darum gedenken wir heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, homosexuell waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen die Gewaltherrschaft der Nazis leisteten, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Opfer sinnloser Gewalt, die bei uns Schutz suchten.

Wir gedenken heute auch derer, die in unserem Land durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit den Müttern und Vätern, Ehe- und Lebenspartnern und den Kindern der Opfer und allen, die Leid tragen um die Toten.

Doch unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern; und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.

Superintendent Dr. Ralph Charbonnier