Selig sind die Barmherzigen

Wort zu Weihnachten von Superintendent Dr. Ralph Charbonnier


„Es kam die Zeit, dass Maria gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ X-mal hatten sie an den Türen der Gasthäuser geklopft, um Einlass, um einen Schlafplatz, um warmes Essen gebeten. Genauso oft wurden sie abgewiesen. Im Nachhinein gesehen war das nicht geschickt – was hätten die Gastwirte und ihre Nachkommen für einen Gewinn davon gehabt, ein Schild an die Tür hängen zu können „Geburtshaus Jesu“. Die wirtschaftliche Existenz dieses Gasthauses wäre auf lange Zeit gesichert gewesen. Aber: Gott kommt nicht als König, im Vierspänner (oder heute in einem 8-Zylinder-PKW), mit allen Insignien der Macht und Ehre, so dass man sich darauf einstellen könnte. Darum ging es ihm auch gar nicht. Er ist nicht um seiner selbst willen auf die Welt gekommen.

Menschen, die die neue Armut getroffen hat – sie stehen auch x-mal vor verschlossenen Türen. Werkstore öffnen sich nicht mehr. Türen zu neuen Arbeitsplätzen bleiben verschlossen, wenn man nicht den speziellen Code kennt, den man aber erst nach langer Ausbildung erfährt. Die ersten Freunde fangen an, sich zu verleugnen, wollen ihre Wohnung nur mit denen teilen, die es noch einmal geschafft haben, sicher durch die Finanzkrise zu kommen. Kinder gehen erst gar nicht hin zum Geburtstagsfest ihrer Freunde – sollen sie zugeben, dass ihre Eltern kein Geschenk kaufen können? Großeltern verlassen am 24.12. erst gar nicht ihre Wohnung, um wie gewohnt ihre Kinder und Enkel zu besuchen. Sollen sie sich der Schmach aussetzen, zuzugeben, dass sie kein Geld für Barbie-Puppe und Carrera-Bahn haben?

Etwa 15 % der Menschen in unserem Land leben nach einer Statistik der Bundesregierung in Armut oder an der Armutsgrenze. Jedes 5. Kind kennt das Lebensgefühl, arm zu sein. „Bildung und Beschäftigung sind die Schlüssel zur Armutsvermeidung“ sagt der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Mit diesen Schlüsseln lassen sich die Türen öffnen! Das ist sicher richtig. Nur: Kinder sind doch in Schule und Bildungseinrichtungen – und trotzdem arm. Kranke Menschen können wegen ihrer Erkrankung die Schlüssel Bildung und Beschäftigung erst gar nicht aufnehmen und nutzen. Älteren und alten Menschen ist der Arbeitsmarkt verwehrt, weil ab 50 Lebensjahren die Türen zum Beschäftigungssystem zugeschlagen werden. Welche Antworten haben wir – als Gesellschaft und als einzelne Menschen – für diese nicht wenigen Menschen? Lassen wir sie draußen vor der Tür stehen? Welche Antworten erhoffen wir für uns selbst, wenn wir zu einer dieser Gruppen gehören?

Es ist bezeichnend, dass wir für dieses Problem nur ein altmodisches Wort kennen: „Barmherzigkeit“. Es klingt altmodisch, weil wir das, was wir damit bezeichnen, wohl selten tun. Was das Wort meint, können wir nur schwer formulieren – uns fehlen die Worte! In dem Wort „Barmherzigkeit“ steckt nicht zufällig das Wort „arm“. Barmherzigkeit ist eine Antwort auf Armut, Barmherzigkeit ist ein Schlüssel, um die Tür aus der Armut aufzuschließen, wenn die anderen Schlüssel Bildung und Beschäftigung nicht passen. Wenn uns dieses Wort altmodisch erscheint, dann ist es Zeit, es so zu übersetzen, dass wir es mit unseren Möglichkeiten verstehen:

Lernmittelfreiheit und freier Mittagstisch in der Schule: Was nützt sonst der Schlüssel „Bildung“, wenn er verschlossen im Schlüsselkasten hängt? Eingrenzung des Niedriglohnsektors: Was nützt eine berufliche Beschäftigung, die nicht vor Armut schützt? Mindestrente: Was ist eine Rente wert, wenn sie – ein Beispiel – erst nach 45 Beschäftigungsjahren im Friseurbereich das Existenzminimum sichert? Aus Barmherzigkeit politische Schlüssel für Türen aus der Armut finden – darum geht es. Allerdings nicht nur: Viele barmherzige Bürger als Familienmitglieder, Nachbarn oder ehrenamtliche Mitarbeiter in Vereinen, Verbänden und Kirchengemeinden zeigen: Wenn angeklopft wird, kann man die Türen weit auf machen, bei den Hausaufgaben helfen, Kinderkleidung organisieren, Verzweifelten ein offenes Ohr leihen, durch kleine Handgriffe den Alltag im Alter erleichtern. Schon mancher hat Gott beherbergt, ohne zu wissen, wen er vor sich hat. Und wer in Armut lebt, kann Barmherzigkeit ohne Scham annehmen – es gibt große Vorbilder für sie oder ihn: Maria und Joseph.

Vielleicht können die Barmherzigen und die Armen dann gemeinsam singen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt; der halben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.“ Dann ist Heilig Abend!

Dr. Ralph Charbonnier
Superintendent im Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf


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