Geschichtsunterricht der besonderen Art

Hans-Jochen Tschiche erinnert sich im Antikriegshaus an die Wendezeit vor zwei Jahrzehnten.


Hans-Jochen Tschiche vor dem Antikriegshaus in Sievershausen. Fotos: Herbert Baller (2)

Einen Geschichtsunterricht der besonderen Art vermittelte am Freitagabend der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Zeitzeuge Hans-Jochen Tschiche im Antikriegshaus Sievershausen. Zirka 80 Besucher, darunter viele Schüler aus dem Uetzer Gymnasium, wollten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die aktuellen Ansichten dieses jetzt fast 80-jährigen Querdenkers zu hören.

Der evangelische Pfarrer gehörte schon lange vor den gut 20 Jahren zurückliegenden Ereignissen rund um die friedliche Revolution in der damaligen DDR und der nachfolgenden Vereinigung Deutschlands 1990 zu den prägenden Persönlichkeiten der Bürgerrechts- und Friedensbewegung.

Nach dem Abitur 1948 geriet Tschiche in Konflikt mit dem SED-Regime und nahm anstelle des angestrebten Lehrerberufs das Studium der Theologie auf.

Als Theologe kamen ihm die Gedanken, das System von unten her auszuhöhlen. Diese Idee bei einer öffentlichen Veranstaltung vorgetragen, verursachten „ein mächtiges Spektakel“, so der wortgewandte Referent. Die Folge war die Versetzung an die evangelische Akademie. Mehr oder weniger zwangsläufig erklärte er sich dazu bereit, denn die Alternative wäre eine siebenjährige Zuchthausstrafe gewesen.

Als Leiter der Akademie von Sachsen-Anhalt engagierte sich der streitbare Theologe weiter in der kirchlichen Opposition, zum Verdruss seiner Vorgesetzten. In dieser Zeit, so seine Aussage, setzte im östlichen Bereich die Friedensbewegung ein. Hinzu kam, dass es ein großer Unterschied war, ob man Pastor oder ein normaler Bürger war. „Wir waren in gewisser Weise privilegiert, die Schutzmacht Kirche war relativ hoch“, so seine Beurteilung.

Und trotzdem hatte die Kirche ein Problem, unter diesen politischen Umständen eines Staates, der eine ideologische Einheitsfront aufgebaut hat, zu versuchen, ihre Eigenständigkeit am Leben zu erhalten. Das konnte man nur, indem man Konfrontationen abbaute und im Gespräch blieb.

In den 80er Jahren hatten sich alle möglichen Gruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche versammelt; bei der katholischen nur eine einzige. Aber nur wenige hatten nach seiner Meinung den Mut, Opposition zu betreiben. „Wenn das System so ist wie es ist, muss man es in eine andere Richtung drehen“, war seine Devise. Im harten Kern entwickelten sich die Gespräche darum, wie man eine gesellschaftliche Änderung herbeiführen konnte.

Man habe weder an die Beseitigung der DDR, noch an eine Wiedervereinigung gedacht, vielmehr wollte man eine Kontrolle der Rechte und die kritische Begleitung der Obrigkeit.
„Manchmal war, wenn man keine Angst hatte, die DDR auch ein absurdes Theater“, so die nachträgliche Beurteilung von Begebenheiten und Beispielen.

Sehr plastisch schildert der Gast die Situation von 1989, als seiner Meinung nach die Zeit reif war und mit einem Mal die Bürger „aufwachten.“ Begünstigend hinzu kam die Grenzöffnung in Ungarn.

Tschiche schilderte dann die damalige Situation der normalen Bürger, deren Leben sich ab 20 Uhr vor dem westdeutschen Fernsehen abspielte. „Wenn die Vereinigung kommt, dann geht es uns von heute auf morgen genauso gut wie im Westen“ war eine weit verbreitete Meinung. Und keiner widersprach.
Vielschichtig negativ gestalteten sich dann die wirtschaftlichen Veränderungen. Mit dem Wegfall des bis dahin bestehenden osteuropäischen Marktes und dem damit verbundenen tausendfachen Arbeitsplatzverlust machte sich Frust breit. Das Gesamtklima veränderte sich. Die Mehrheit litt unter einem Unterlegenheitsgefühl und man genierte sich. Eine Streitkultur kannten die Menschen nicht, das Diskutieren hatte man nicht gelernt und im Laufe der Jahrzehnte waren zwei Millionen fähige Bürger geflüchtet.

Hans-Jochen Tschiche spricht in diesem Zusammenhang von Kleinbürgertum, das in Schutz genommen werde muss. „Die Leute sind heute in einer ungleich schwierigen Lage“, so seine Beurteilung. Früher hätten sie sich eingerichtet und angepasst.

Sein Traum, die Freiheits- mit den sozialen Rechten zueinander bringen zu können, habe sich nicht erfüllt. Diese Gesellschaft ist nicht die, in die ich kommen wollte“ ist zusammen fassend seine persönliche Betrachtung.

Red. Herbert Baller


Während der Diskussion.

Ostdeutsche fühlen sich unterlegen

DDR-Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Hans-Joachim Tschiche spricht im Antikriegshaus

Wie sehr sich die Wahrnehmung der Wendezeit in der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten unterscheiden kann, ist am Freitagabend in Sievershausen zu erleben gewesen. Dort war Hans-Jochen Tschiche zu Gast, Bürgerrechtler und späterer Politiker von Bündnis 90/Die Grünen in der Volkskammer, im Bundestag und im Landtag Sachsen-Anhalt.

Viele seiner Zuhörer im voll besetzten Antikriegshaus hatten eigene Erinnerungen an die Ereignisse vor 20 Jahren. Aber es waren auch viele Schüler aus der Oberstufe des Gymnasiums Uetze gekommen, für die das Thema auf dem Lehrplan für das Abitur steht.

Gemeinsam hörten die Besucher dem 80-jährigen pensionierten Pfarrer zu, als er die historischen Ereignisse rund um die deutsche Einheit ins Gedächtnis rief – Ereignisse, an denen er maßgeblich beteiligt war.

Das Ergebnis, wie es sich heute darstellt, sei allerdings nicht sein Ziel gewesen, machte der Träger des Bundesverdienstkreuzes deutlich. „Wir wollten die DDR reformieren“, erklärte der ehemalige Moderator des Magdeburger runden Tisches in der Wendezeit. Die DDR sei für ihn eine spießige Kleinbürgerrepublik gewesen, in der es für Weltoffenheit keinen Platz gegeben habe. Dass es im Osten kein 1968 wie im Westen mit einem Aufbruch der Gesellschaft gegeben habe, erkläre bis heute die andere Mentalität „meiner Landsleute“, sagte Tschiche. Außerdem gebe es immer noch ein Unterlegenheitsgefühl: „Wir haben im falschen Staat gelebt.“

Kritisch ging Tschiche mit der bundesrepublikanischen Hartz-IV-Realität um. „Die BRD ist eine zu reformierende Gesellschaft“, befand er. „So wie es jetzt ist, kann es nicht weiter gehen“, betonte er unter Applaus.

In welche Richtung die Entwicklung seiner Meinung nach gehen sollte, machte er unmissverständlich deutlich: „Der Sozialismus ist nicht tot, er wird unsere Zukunft sein.“

aus:

"Anzeiger Lehrte & Sehnde"

vom 9. August 2010

Red. Michael Schütz