Geschichte zum Anfassen

18 junge Menschen aus der ganzen Welt verbringen eine Woche im Antikriegshaus


Die Gruppe am Denkmal der 4000 gefallenen Soldaten bei der Schlacht von Sievershausen an den Hellebarden. Fotos (2): Herbert Baller

In unmittelbarer Nähe des Kirchturms neben dem Antikriegshaus werkeln 18 junge Menschen aus aller Welt. Sie entschieden sich durch das Internet für diesen beschaulichen Ort des Friedens. Hier leben sie für zwei Wochen, um sich kennen zu lernen, die deutsche Geschichte in Theorie und Praxis vermittelt zu erhalten und das frühere Konzentrationslager in Bergen-Belsen zu besuchen.

Das diesjährige Workcamp ist voll belegt. „Es stehen auch Fahrten nach Berlin und Hannover auf dem Programm, hauptsächlich soll aber auch über die praktische Arbeit der Friedensgedanke gefördert werden“, so der verantwortliche Mitarbeiter Otto Dempwolff.

Die Teilnehmer kommen aus der Volksrepublik China, Korea, Russland, der Türkei und weiteren sieben Staaten. Nur zwei Männer interessierten sich für das ausgeschriebene Angebot im Fachbereich Kunst, um „Fenster des Friedens“ an einem Haus zu malen. Eine zweite Gruppe beschäftigt sich mit der Säuberung von Wegen und trifft Vorbereitungsarbeiten für das Aufstellen eines Gedenkschildes für den Gründer des Antikriegshauses.

Da ist zum Beispiel Liu Yiqing aus Peking. Die Reise ermöglichten ihr zum Teil die Eltern, während ihr Vater Geschäftsmann ist, arbeitet ihre Mutter als Lehrerin an der Universität. Sie selbst trug durch Schifferklavierunterricht mit zu den Kosten bei. Liu studiert Industriedesign. „Ich komme während meiner Ferien und möchte hier Praxis in der Kunst erweitern“, ist ihre Motivation für diesen Ort. Beeindruckt war sie von der deutschen Geschichte. „So haben wir das nie gelernt“, meinte sie. Auf Unterschiede angesprochen, sagte sie, dass sie am meisten über die Essgewohnheiten geschockt gewesen sei. Zu hause wäre jede Mahlzeit mit Reis und würde warm gegessen. Brötchen oder Brot am Morgen sind völlig unbekannt. Gerne würde Liu noch einmal nach Deutschland kommen, um hier ihren höheren Studiengrad in Design zu machen.


Liu Yiqing aus China und Maria Elena Cantilena aus Neapel zeigen ihre gemalten Motive.

Hautnah konnte sie und die übrigen Teilnehmer die deutsche Geschichte am früheren Grenzübergang Marienborn erleben. Dazu kam das Gespräch mit dem Zeitzeugen und Oppositionspolitiker Hans-Jochen Tschiche. Das war auch für Maria Elena Cantilena aus Neapel spannend. Sie studiert Geschichte und konnte hier schon nach eigenen Angaben ihre Kenntnisse erweitern. „Marienborn war Geschichte zum Anfassen“, so ihre Feststellung. Spontan fügte sie hinzu, dass sie angenehm von der Freundlichkeit der deutschen Landsleute überrascht sei. Auch sie würde gerne in Deutschland studieren.

Auf gravierende Unterschiede zwischen den beiden Teilnehmerbereichen Europa und Asien als jeweils einem Kulturkreis angesprochen, erläuterte Liu aus China, dass diese ganz unterschiedliche Arten haben, was man isst, wie man isst und wie man Höflichkeit zeigt. Das wäre aber für sie kein Problem, im Gegenteil, so könne man sich nur weiterbilden. Es wäre spannend.

Text: Herbert Baller

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gemeldet am 03.09.2010 um 18:52 Uhr