Zum Sonntag von Pastor Marcus Buchholz Kirchenkreis Burgdorf Auszeit! Einmal ganz nackt da stehen. „Das hat gut getan“, berichtete mir vor einigen Wochen ein Kollege. „Wie bitte?“, fragte ich ungläubig zurück. „Das ist bildlich gemeint: ohne Briefkasten, ohne Telefon, ohne Terminkalender“, antwortete er mit leiser Stimme. Ein Jahr lang hat sich der 63-Jährige zurückgezogen, nach Wien. Dort mietete er sich in der Innenstadt eine Einzimmerwohnung. Ein Jahr lang Kultur und Bildung: Oscar Wilde am Burgtheater, Sartre im Hofgarten. Ein so genanntes Sabbatjahr hat der Pfarrer gemacht. Nach 15 Jahren Gemeindearbeit hatte sich der Geistliche betriebsblind gefühlt: Gottesdienste, Taufen Beerdigungen – „vieles war nur noch Routine“, erinnert er sich. Er wollte Bilanz ziehen und sich mit der Frage konfrontieren: Wer bin ich noch, ohne Terminkalender, ohne Telefon, ohne Briefkasten? Als bemerkenswert und gleichzeitig luxuriös bewertete ich seine Auszeit. Denn: Wer kann sich das heutzutage schon leisten, für eine längere Zeit aus seinem Job auszusteigen oder sich von seiner Familie beurlauben zu lassen. „Stimmt“, erwiderte der Kollege und blättert in einem Bildband über das Wiener Nachtleben. „Aber das, was ich im großen Stil gemacht habe, kann doch jeder auch im Kleinen versuchen.“ Sein Sabbatjahr hat biblische Tradition: Schon die Bauern im Alten Israel haben alle sieben Jahre ihre Felder und Äcker brach liegen lassen. Zur Regeneration. „So ist das auch beim Menschen“, erläutert der Kollege, „jeder muss mal zur Ruhe kommen, um wieder was leisten zu können.“ Vielleicht hat der Kollege ja Recht: mehr Mut zu einer Auszeit – es muss ja nicht gleich ein ganzes Jahr sein, ein Tag pro Woche reicht aus. Wieder einmal „Nein“ sagen zu einer Aufgabe, wieder einmal nur in den Tag hinein leben, und dabei alles von sich streifen: Den Terminkalender, das Telefon. Einmal wieder ganz nackt dastehen, vor sich selbst und vor Gott. Solche Auszeiten brauchen wir Menschen, und das hat auch biblische Tradition: Nach sechs Tagen Schöpfung ruhte sogar Gott. Warum also nicht auch wir?